Geschichte der VdO - Entwicklung des "künstlerischen Tarifrechts"

Schon im Jahre 1884 wurde mit Blick auf die zunehmende soziale und künstlerische Emanzipation der Künstler-Kollektive, deren "Befreiung aus dem Elend" auch schon Richard Wagner gefordert hatte, der "Deutsche Chorsängerverband" gegründet.

Diesem Verband, welcher sich als Wegbereiter der heutigen VdO, der "Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer e.V." beschreiben lässt, trat 1917 die Ballett-Union bei und wurde somit zum "Deutschen Chorsänger und Ballettverband". Ab 1928 nannte er sich "Deutscher Chorsänger- und Tänzerbund", welcher sich jedoch ebenso wenig wie alle anderen Gewerkschaften und Berufsverbände unter dem nationalsozialistischen Regime halten konnte. Im Jahre 1935 wurden der Verband daher aufgelöst und seine Mitglieder "gleichgeschaltet", mithin in das Kammer-System der nationalistischen Kulturpolitik gezwungen.

Nach dem Krieg verzichteten die vormals gut organisierten Opernchorsänger und Bühnentänzer auf eine eigene Berufsvertretung. Das hatte zur Folge, dass die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen für diese Kollektive zunehmend schlechter wurden und zu einem steten Absinken ihrer sozialen Stellung in der Gesellschaft führten. Eine weitere Verschlechterung der Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit des Opernchorsängers/ Bühnentänzers konnte nur durch den Zusammenschluss in einem eigenen Berufsverband verhindert werden. So wurde am 22.06.1959 in Düsseldorf auf Initiative des dann auch als Geschäftsführer tätigen Opernsängers Walter Kane die ‚Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer e.V.' in der DAG (VdO/DAG) gegründet, die sich berechtigterweise als Nachfolgeorganisation des im Dritten Reich zwangsaufgelösten Chorsängerverbandes und Tänzerbundes verstand.

Als sich die VdO bereits im Jahr ihrer Gründung der "Deutschen Angestellten Gewerkschaft" DAG anschloss, gelang es in den darauffolgenden Jahren, ein eigenständiges Tarifrecht für die beruflichen, künstlerischen und sozialen Belange der Opernchöre und Tanzgruppen zu schaffen. Dabei wurden die bis dahin geltenden Tarifforderungen , welche noch aus der NS-Zeit fortbestanden, abgelöst.

Nach zähem Kampf um die Anerkennung ihrer Tariffähigkeit gelangen ihr bereits 1960 unter Verhandlungsführung der DAG erste Tarifabschlüsse mit dem Deutschen Bühnenverein, deren wichtigste Aufgabe die schrittweisen Angleichungen an das Tarifrecht des öffentlichen Dienstes waren. Während der Entwicklung des neuen Tarifrechts kam es zur Abtrennung der Manteltarifverträge für Chor und Tanz von den Verträgen der Solisten und Bühnentechniker und zur Einrichtung einer eigenständigen Bühnenschiedsgerichtsbarkeit. Darüber hinaus gelang die Einführung von an Orchestergrößen orientierten Gagenklassen samt Anpassungsklausel und - im Januar 1972 - die Tarifierung des Vertrages über einen Sozialschutz für Sänger im Opernchor.

Schon 1979 waren die zwei Manteltarifverträge strukturell so verankert, dass sie bei der qualitativen Fortentwicklung in den darauf folgenden Jahren das Fundament für den 2003 tarifierten Normalvertrag bildeten.

Mit der Gründung der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ‚ver.di’ im Jahre 2001 verließ die VdO das schützende Dach der DAG, um fortan auf eigenen Beinen zu stehen und die spezifischen Interessen ihrer Mitglieder auch weiterhin fachbezogen und -kundig vertreten zu können. Dank geschickter und überzeugender Verhandlungsführung war es möglich, durch die Schaffung des Normalvertrag (NV) Chor/Tanz eine generelle Gleichbehandlung der Kollektive Opernchor und Tanzgruppe zu erreichen; die spätere Zusammenfassung aller künstlerisch Beschäftigter an Theatern (abgesehen von OrchestermusikerInnen) in einem Tarifwerk - dem NV Bühne mit den Sonderregelungen Solo, Bühnentechnik, Chor und Tanz - war ein Schritt, der, gemeinsam mit unserer Schwestergewerkschaft Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) getan, einen weiteren Meilenstein in der Geschichte moderner Tarifpolitik darstellt.