(PM) Statement des Dachverband Tanz Deutschland zur Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage „Tanzpolitik in der Krise – Soziale Lage, strukturelle Unsichtbarkeit und die Zukunft der Tanzförderung“ vom 13. Juli 2026 der Fraktion DIE LINKE (BT-Drucksache 21/7128)
Der Dachverband Tanz Deutschland - die VdO ist Mitglied - begrüßt, dass die Bundesregierung in ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage die Bedeutung von fairen Honoraren, sozialer Absicherung und kultureller Teilhabe im Tanz anerkennt.
Gleichzeitig zeigt die Antwort, dass in zentralen Handlungsfeldern weiterhin Entwicklungsbedarf besteht. Es wird von einer Stabilisierung der Kulturförderung gesprochen, auch wenn Kostensteigerungen und Basishonorare nicht mit Gegenfinanzierungen hinterlegt werden. Hochqualifizierte Tanzschaffende werden an private Vorsorge und Grundsicherung verwiesen. Bestehende Defizite bei der Datenerhebung erschweren eine umfassende Bewertung der Mittelverteilung. Das Auslaufen bundesweiter Netzwerke wirft Fragen auf, insbesondere vor dem Hintergrund der Verlagerung von Zuständigkeiten auf die Länder.
Ausgangslage
Als Teilmarkt der Kultur- und Kreativwirtschaft ist der Tanz ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Trotz dieser Vitalität ist die soziale und strukturelle Realität der Tanzschaffenden von tiefgreifender Prekarität geprägt. Nach Daten der Künstlersozialkasse (KSK) für das Jahr 2025 lag das durchschnittliche Jahresarbeitseinkommen von freiberuflichen Tänzerinnen bei lediglich 12.618 Euro, während freiberufliche Choreografinnen und Ballettmeisterinnen im Mittel 16.650 Euro deklarierten. Die kulturpolitische Entwicklung der letzten Jahre verschärft diese strukturellen Probleme – Anlass, die Bundesregierung über das Werkzeug der Kleinen Anfrage zur ihrer Zukunftsstrategie für den Tanz zu fragen. Dabei handelt es sich um die dritte kleine Anfrage zur Kunstform Tanz. Die erste wurde 2001 durch die CDU/CSU zu “Ausbildung, Umschulung und soziale Absicherung von Tänzerinnen und Tänzern“ gestellt, die zweite zur „Zukunft des Tanzes in Deutschland“ 2011 von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.
Faire Honorare brauchen ausreichende Finanzierung
Der Dachverband begrüßt ausdrücklich die Einführung von Basishonoraren als wichtigen Schritt hin zu faireren Arbeitsbedingungen. Er sieht jedoch die Notwendigkeit, diese Entwicklung mit einer entsprechenden Ausstattung der Förderprogramme zu verbinden. Nur so können faire Bezahlung und künstlerische Produktion langfristig miteinander in Einklang gebracht werden.
Zugleich bleibt die Frage bestehen, wie Kommunen, Länder und freie Träger – gerade in strukturschwächeren Regionen – steigende Kosten bei gleichbleibenden Fördervolumina ausgleichen können.
Soziale Absicherung stärker an die Realität des Berufsfeldes anpassen
Die Bundesregierung verweist auf bestehende Instrumente der sozialen Sicherung sowie auf Möglichkeiten der privaten Vorsorge, berücksichtigt dabei aber nicht die besonderen Arbeitsbedingungen im Tanz: Kurze Berufslaufbahnen, projektbezogene Beschäftigung und körperlich anspruchsvolle, oft unterbrochene Berufsbiografien. Vor diesem Hintergrund sollten Modelle für eine passgenaue soziale Absicherung weiterentwickelt werden. Auch Fragen geschlechtsspezifischer Einkommensunterschiede verdienen Berücksichtigung.
Tanzförderung strategisch weiterentwickeln
Auf die Frage nach einer strukturellen Gleichstellung des Tanzes innerhalb der Kulturförderung verweist die Bundesregierung auf historisch gewachsene Förderstrukturen und bestehende Institutionen. Weder ein eigenständiger Förderfonds noch eine systematische Weiterentwicklung der Bundesförderung für den Tanz werden in Aussicht gestellt.
Hinzu kommt, dass der Tanz weiterhin nicht ausreichend und eigenständig in den amtlichen Statistiken erfasst wird. Diese Datenlage verstärkt die strukturelle Unsichtbarkeit der Sparte. Eine differenziertere Erfassung könnte dazu beitragen, kulturpolitische Entscheidungen fundierter zu gestalten.
Bundesweite Netzwerke erhalten
Sorge bereitet das Auslaufen bundesweit relevanter Netzwerke und Programme wie tanz weit draußen (Verbindungen fördern) oder explore dance – Netzwerk Tanz für junges Publikum, die über Jahre wichtige Impulse für Tanz in ländlichen Räumen und junge Publika gesetzt haben. Der wiederholte Verweis der Bundesregierung auf die Kulturhoheit der Länder greift hier zu kurz – bundesweit wirkende Netzwerke erfüllen Aufgaben, die über Ländergrenzen hinausreichen und kulturelle Teilhabe insbesondere in benachteiligten Regionen stärken.
Lösungen für die Praxis schaffen
Positiv bewertet der Dachverband die Verlängerung der Übergangsregelung im Zusammenhang mit dem Herrenberg-Urteil bis Ende 2027. Gleichzeitig besteht weiterhin Bedarf an einer langfristigen und rechtssicheren Lösung für selbstständige künstlerische Tätigkeiten.
Tanz braucht eine Zukunftsstrategie
Der Dachverband Tanz Deutschland appelliert an den Bund, mit Ländern und Kommunen in den Dialog zu gehen, um die bestehenden Förder- und Sicherungssysteme gemeinsam weiterzuentwickeln und den Tanz als eigenständige Kunstform mit spezifischen sozialen, wirtschaftlichen und kulturpolitischen Herausforderungen anzuerkennen.
Dazu gehören:
- eine dynamisierte und inflationsgerechte Ausstattung der Bundesförderprogramme,
- die Gegenfinanzierung von Basishonoraren durch entsprechende Fördermittel,
- nachhaltige soziale Sicherungssysteme für Tanzschaffende,
- eine strukturelle Stärkung des Tanzes innerhalb der Bundeskulturförderung,
- der Erhalt und Ausbau bundesweiter Netzwerke für kulturelle Bildung und Tanzentwicklung,
- eine verlässliche gesetzliche Lösung im Nachgang des Herrenberg-Urteils sowie
- eine systematische statistische Erfassung des Tanzsektors.
Statement von David Schliesing, Obmann der Fraktion Die Linke im Ausschuss für Kultur und Medien:
„Die Antwort ist sehr enttäuschend. Einerseits erkennt die Bundesregierung den Tanz zwar rhetorisch als bedeutende Kunstform an, verweigert ihm dann aber die materiellen Voraussetzungen über das geleistete Maß hinaus. Mit Verweis auf die prinzipielle Zuständigkeit der Länder und „die angespannte Haushaltslage“ wird höchstens die Bewahrung des Status Quo in Aussicht gestellt und alles darüber Hinausgehende abgelehnt. Dies konterkariert alle wohlklingenden Reden und Bekenntnisse, dass einem der Tanz am Herzen liege. Leider ist das Gegenteil der Fall.
Deutschland besitzt von Ausdruckstanz und Tanztheater über seine Theaterlandschaft bis zur freien und zeitgenössischen Szene ein bedeutendes tänzerisches Kulturerbe. Dieses sollte nicht nur unbedingt bewahrt, sondern durch neue und vielfältige Initiativen weiterentwickelt werden.“








